Vater, Mutter, Dachboden

 

 

Im Mai gibt es bekanntlich gleich zwei Feiertage, die unseren Eltern gewidmet sind. Zum einen die Auffahrt, welche in Deutschland gleichzeitig der Vatertag ist, und zum anderen den Muttertag. Bei uns in der Schweiz findet der Vatertag meist entweder am ersten Sonntag im Juni oder aber am 8. März statt, was wiederum das Datum des Weltfrauentags ist. Macht das Sinn? Nun, ohne Frauen würde es keine Väter geben, genauso wie es ohne Männer keine Mütter gäbe. Dies stimmt heute zwar auch nicht mehr ganz, denn künstliche Befruchtungen haben sich längst durchgesetzt und sind für manche Paare sogar die einzige Möglichkeit, Kinder zu bekommen. Auch der damit einhergehende Trieb spielt sich bei einigen zeitweise nur inwendig, also im Kopf ab. Doch männliche Dominanz ist auch heute noch ein Thema. So gibt es den Muttertag beispielsweise nur einmal, den Vatertag jedoch gefühlte fünfmal, je nach Region. Dies hat vermutlich mit verschiedenen Kulturen zu tun und könnte gleichzeitig ein Überbleibsel aus früheren Tagen sein. In grauer Vorzeit war das Aufgabengebiet der Mütter eher punktuell begrenzt, während die Väter anfangs für die Jagd und das Sammeln von Nährstoffen zuständig waren, später das Geld verdienten und mühselig die Karriereleiter hochkraxelten. Deshalb standen ihnen womöglich mehr Feiertage zu. Heute sieht das Ganze freilich anders aus: Immer mehr Männer widmen sich der Kinderbetreuung, stehen am Herd, tragen Schürzen und bügeln Unterhosen, während ihre Frauen im Geschäft den Laden schmeissen und die Kohle nach Hause bringen, die von den Männern dann verheizt wird. Sicher, es würde nicht schaden, mehr als einen Muttertag einzuführen. Es ist allerdings auch keine Lösung zu behaupten, nur die Mütter würden alles für die Kinder tun und die Väter würden sich stets davonstehlen, bloss weil es einzelne solche Exemplare gibt. Nach den ganzen Genderdiskussionen müsste es eigentlich einen gesetzlich festgelegten Elterntag geben, der für beide steht, damit kein Geschlecht diskriminiert wird, denke ich mir spöttisch im Zug, gleichzeitig froh, dass ich noch keine Kinder habe und mir derartige Probleme herzlich egal sein können. Im Falle einer Adoption lässt sich ein Kind sogar bewusst von den Eltern aussuchen, was umgekehrt leider nicht möglich ist. Davon abgesehen ist es doch auch schön, dass sich für den Muttertag ein einheitliches Datum gefunden hat, während sich darüber streiten lässt, welcher Vatertag nun der richtige ist. Wirklich spannend wird es allerdings erst, wenn wir das Ganze einmal sprachwissenschaftlich angehen. Das berndeutsche Wort „Ätti“, welches sowohl „Vater“ als auch „Grossvater“ bedeuten kann, klingt ähnlich wie das finnische Wort „äitti“, was wiederum „Mutter“ bedeutet. Und das Ganze ähnelt doch auffallend dem englischem Wort „attic“, welches jedoch kein Elternteil, sondern einen Dachboden bezeichnet. Würden also ein Berner, ein Finne und ein Engländer das Spiel „Vater, Mutter, Kind“ in der abgewandelten Form „Vater, Mutter, Dachboden“ spielen, hätten sie damit das sogenannte. „Ätti-äitti-attic“ erfunden. Eine Sprachschöpfung, welche definitiv nicht von schlechten Eltern wäre.