Im Sturm

 

Es stürmte wieder einmal. Das Ausmass war gewaltig. Fahrräder lagen auf dem Gehsteig herum, so als ob ein Kind seine alten Spielzeuge in die Ecke geworfen hätte. Im Bus waren fast alle Plätze leer. Niemand traute sich wegen des Sturms aus dem Haus. Und wer es heute doch ins Büro geschafft hatte, machte vermutlich freiwillig Überstunden. Nur einer sass in der Busmitte, ein Typ mit einer rosafarbenen Plastiktüte, und atmete wie ein hochschwangeres Walross kurz vor der Entbindung. Wahrscheinlich aus lauter Erleichterung, dem Unwetter wenigstens für kurze Zeit entkommen zu sein.

Den wenigen wetterfesten Passanten auf der Strasse wurde derweil das Smartphone aus der Hand geweht, bevor sie es überhaupt anzünden konnten, weil das Feuerzeug gleich mit davonflog. Wie? Ach so, ich meine natürlich die Zigaretten. Der Wind hat meine Gedanken wohl etwas durcheinandergewirbelt.

Wenn es so weitergeht, hören wir bald Ansprachen von Politikern zum Rekordsturm. Diese Menschen lassen bekanntlich keine Gelegenheit aus, in den Medien präsent zu sein und ihre Kommentare abzugeben, egal ob sie gefragt werden oder nicht. „Wir sind das Auge des Orkans und bald wird es sich schliessen.“, könnte der einleitende Satz einer solchen Ansprache sein, oder auch: „Es handelt sich um einen Sturm im Wasserglas, wobei das Ausmass des Glases noch nicht definiert ist.“ Während Zeitungen kalauernd „Ins neue Jahr gefegt“ oder zweideutig „Achtung: Heute bläst Wintersturm Burglind“ titulierten, wussten die öffentlichen Verkehrsbetriebe natürlich wieder einmal von nichts und warnten vor Verspätungen und „Zugausfällen“. Dass es eigentlich „Zugsausfälle“ heissen müsste, schienen sie nicht zu bemerken. Wahrscheinlich wurde der fehlende Buchstabe im wahrsten Sinne des Wortes vom Winde verweht.

Wer heute seinem oder seiner Liebsten einen Antrag machte und auf erwiderte Gefühle traf, dürfte das jeweilige Herz buchstäblich im Sturm erobert haben. Ich selbst wüsste gar nicht, bei wem ich dies versuchen sollte. Höchstens bei mir selbst, ähnlich wie in dem Lied „Romanze“ aus dem Debütalbum von Heinz Rudolf Kunze. Dieses erschien vor knapp 37 Jahren und ein weiteres Lied daraus trägt übrigens den Titel „Balkonfrühstück“. Ein solches zu veranstalten, wäre heute wohl eine echte Kunst gewesen. Tja, gute Songs nehmen die Ereignisse eben immer ein bisschen vorweg oder lassen sich zumindest mit Ihnen in Verbindung setzen. Weitere Wortspiele mit Songs wie „Wind Of Change“ von den Scorpions oder „Flying Through The Air“ von den Oliver Onions unterlasse ich jetzt einfach mal. Denn das führte zu weit - bei so viel zusätzlicher Luft würde es mich wohl bis zum Mond hinaufwehen. Und ehrlich gesagt, kenne ich dort niemanden. Von daher...