Der Linkshänder

 

Ich bin Linkshänder.
Das ist erst einmal nichts Ungewöhnliches,
von der Tatsache abgesehen,
dass es deutlich mehr Rechtshänder auf der Welt gibt.

Nur war ich als Kind gar kein Linkshänder.
Ich war auch kein Rechtshänder.
Bei mir lag ein äusserst seltenes Phänomen vor:
Ich benutzte beide Hände.
Wenn ich etwas aufschrieb,
wechselte ich den Stift oft mitten im Wort
von der einen in die andere Hand.
Gut, meine Schrift war nicht immer leserlich.
Doch wenigstens hatte ich etwas,
das mich auszeichnete.

Dann kam leider die Schulzeit
und mit ihr der Befehl,
die Beidhändigkeit per sofort aufzugeben
und eine endgültige Entscheidung zu treffen.
Warum müssen die Lehrer ihre Schüler derart strafen und in ein Schema zwängen?
Würde mich heute jemand dazu auffordern, mich für eine Seite zu entscheiden,
könnte er mit Sicherheit davon ausgehen,
dass ich ihm links und rechts eins hinter die Ohren geben würde.

Doch als kleiner Knirps lässt man sich eben erstens einschüchtern
und zweitens vieles gefallen,
was man eigentlich gar nicht müsste.
Vermutlich habe ich auch deswegen eine Abneigung gegenüber Entscheidungen entwickelt
und nicht nur, weil ich im Sternzeichen Waage geboren bin.

Weil ich schon immer etwas anders tickte als der Durchschnitt,
entschied ich mich als Kind für die linke Seite
und bin ihr bis heute treu geblieben.
Auf englisch wird ein Linkshänder „southpaw“ genannt,
also Südpfote.
Und wenn die Pfote schon im Süden ist,
dann ist auch der Rest
stets in Urlaubsstimmung.