Das Radio im Kopf

Ich überlege mir am Ende eines langen Tages oft, was ich heute gelernt habe oder welche neue Erkenntnis ich gewonnen habe. Da wäre zuerst einmal, dass morgen nicht der 29. Februar, sondern der 1. März ist. Das habe ich zwar schon vorher gewusst, doch zwischendurch muss ich mir diese Tatsache erneut in Erinnerung rufen, um am nächsten Tag nicht ein heilloses Durcheinander mit dem aktuellen Datum zu bekommen. Weil heute recht schönes Wetter war, zog es mich am Nachmittag nach draussen, um eine halbe Stunde spazieren zu gehen. Ich hatte sowieso nichts besseres zu tun, denn das bei meinem Bruder geplante Krafttraining wurde auf den nächsten Tag verschoben und meine beste Freundin brauchte auch etwas Zeit für sich. Bevor ich losging, blätterte ich – nur so zum Spass –  in einem Buch mit gesammelten Texten zum Thema Herzschmerz und las ein Gedicht eines Schweizer Schriftstellers, in dem mehrmals das Lied „In Zaire“ von Johnny Wakelin erwähnt wurde. Kein Wunder, setzte sich der Song danach hartnäckig in meinem Kopf fest. Ich hatte nichts dagegen, denn ich mag diesen Oldie sehr. 


Doch ich wollte ja schliesslich noch etwas nach draussen kommen, nachdem ich die Hütte schon gestern nicht verlassen hatte. So schnürte ich meine Schuhe zu und schlenderte ein wenig durchs Dorf. Ich ging nicht in Richtung Friedhof, weil ich dort schon beim letzten Spaziergang verweilte, sondern lief stattdessen den Oberhofweg entlang. Meine Hände steckte in den Jackentaschen, die linke Hand spielte mit einer Kopfschmerztablette, von welcher ich zum Glück keinen Gebrauch machen musste. Vorbei an Werbeschildern für frisch renovierte Wohnungen und feilgebotene Backwaren ging ich meines Weges und genoss die kühle, erfrischende Luft. Dabei begegnete ich einigen, vornehmlich älteren Menschen, die teilweise in Begleitung eines zotteligen Vierbeiners unterwegs waren. Einmal war auch eine attraktive junge Frau mit braunen Haaren dabei. Dass mich die Leute nicht grüssten, störte mich nicht. Ich grüsste sie schliesslich auch nicht – das Grüssen ist generell ziemlich aus der Mode gekommen. Früher war es als gegenseitige Respektbezeugung noch üblich, doch heute gehen neun von zehn Passanten wortlos aneinander vorbei. Bloss nicht auffallen, nur nicht in ein Gespräch verwickeln. Das hat wohl nicht einmal mit der aktuellen Situation zu tun, in der die Welt immer noch von einer unsichtbaren Gefahr heimgesucht wird, sondern eher damit, dass wir uns alle in den letzten Jahren ziemlich voneinander entfremdet haben.


Über diese Entwicklung sinnierend, fand ich mich plötzlich doch noch auf dem Areal des Friedhofs wieder und hielt ein wenig inne. Herrlich, diese Stille! Ich kenne zwar niemanden, der hier begraben ist, doch ich fühle mich mit diesem Ort dennoch ziemlich verbunden. Kein Wunder – ich mag es nun mal ruhig und bin froh, wenn alle für einen Moment die Klappe halten. In meinem Kopf geht es sowieso ständig zur Sache, so als ob sich darin ein Radio befinden würde. Da höre ich immerzu meine eigenen Gedanken, gemischt mit Musik und akustischen Fetzen aus selbst erlebten Situationen, die sich zu einer Art Hörspiel zusammenkleistern und mich manchmal amüsieren, manchmal jedoch auch ziemlich nerven. Während meines Spaziergangs schossen mir neben dem bereits erwähnten Stück Musik auch die Lieder „I Don’t Wanna Lose You“ von Tina Turner und „That’s What Friends Are For“ von Dionne Warwick & Friends durch den Kopf. Ja, Freundschaft ist eben ein grosses Thema.


Nach dem gestrigen depressiven Tag, den ich vor allem mit Schlafen verbrachte, stellte das Frischeluftschnappen eine wahre Erholung dar. Überhaupt habe ich meine Gedanken wieder etwas neu sortiert und einiges relativiert. Mein Gott, in Myanmar werden Menschen während einer Demonstration auf offener Strasse erschossen und wir machen uns hierzulande schon ins Hemd, wenn eine Verabredung platzt oder wir eine fällige Rechnung nicht finden können, weil sie in unserem heimischen Chaos untergegangen ist. Ich bin da leider keine Ausnahme, wie mir wieder einmal bewusst wird. Na ja, wenigstens bin ich damit um eine weitere Erkenntnis reicher geworden. Dies muss ich – genau wie mein Abendbrot – erst mal verdauen.