Gedanken zum ersten Sonntag im Mai

„Alles neu macht der Mai“, sagt der Volksmund. Die Rückkehr zu einer gewissen Normalität scheint in greifbarer Nähe. Doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns fragen: Haben wir uns schon jemals in einer Normalität befunden? Als Kind erscheint einem die Erde als unendlich, und diese reicht einem auch völlig aus. Mit der Zeit merkt man jedoch plötzlich, dass der Planet, auf dem man lebt, nur ein Stecknadelkopf im Universum ist. Die angeblich unendliche Weite lässt sich mathematisch genau ausrechnen, bildhaft darstellen und bis zum letzten Zentimeter erforschen. Dem modernen Menschen reicht es nicht, nur eine Erde zu haben, er will am liebsten das ganze Sonnensystem besitzen. Wir denken stets, da müsste noch mehr für uns drin sein. Mehr Erde, mehr Welt, mehr Leben. Ein längeres Leben, ein besseres, ein gesünderes, ein schnelleres etc. Wir wollen die Kontrolle über alles, was mit uns und um uns herum passiert. Die Gier nach mehr ist eine altbekannte menschliche Krankheit. Wir bilden uns ein, die Welt gehöre uns. Dabei sind wir auf diesem Planeten nur zu Gast, sozusagen als Untermieter. Die Grössenverhältnisse sind doch erstaunlich: Der Mench als Spezies ist ein unglaublich kleiner Teil dieser Welt. Gleichzeitig kann ein einzelner Mensch für den anderen die ganze Welt sein. Denn jeder von uns ist einzigartig und hat seine eigenen Stärken, Fähigkeiten, Wünsche und Träume. Wir sind alle verschieden und doch irgendwie gleich. Eine riesige Familie aus mehreren Milliarden Menschen.


Doch mit allem, was wir denken oder tun, sollten wir zuerst einmal bei uns selbst anfangen. Das einzelne Individuum kann den Lauf der Dinge nicht verändern, wohl aber auf seine Art beeinflussen. Unser Leben gleicht einer Reise, deren einzelne Stationen wir uns teilweise selbst aussuchen, weil wir hoffen, dabei zu finden was wir suchen. Andere Plätze dieser Reise besuchen wir unfreiwillig, es sind Zwischenlandungen, die uns manchmal näher zu uns selbst führen, als es uns lieb ist und uns gleichzeitig - manchmal auf eine unangenehme Weise - einiges über das Leben lernen lassen.

 

Die Umstände, in die wir hineingeboren werden, können wir nicht beeinflussen. Wir können die Fehler der früheren Generationen nicht aus der Welt schaffen, doch wir können es vermeiden, dieselben Fehler zu begehen. Die Vergangenheit schmerzt uns oft, doch sie darf uns nicht davon abhalten, das Leben in der Gegenwart zu geniessen und im Hier und Jetzt zu leben. Schliesslich ist die Gegenwart ischon schwierig genug, nicht nur wegen der unsichtbaren Bedrohung des neuartigen Virus, auch wegen unserer allgegenwärtigen Krankheiten, Handicaps, unvorhersehbaren Schwierigkeiten und menschlichen Unzulänglichkeiten, die uns ohnehin täglich begleiten. Es gibt kein perfektes Leben, kein Erfolgsrezept, um glücklich und gesund zu sein. Doch wir können durch ein bewusstes Leben mehr erreichen, als wir glauben. Wenn wir aus dieser turbulenten Zeit die richtigen Erkenntnisse ziehen und es schaffen, einen sorgfältigeren Umgang miteinander und mit diesem Planeten zu pflegen, werden wir für uns selbst und für die nachfolgenden Generationen eine Welt schaffen können, die ein glückliches und erfülltes Dasein ermöglicht. Dazu gehört aber auch, dass wir nichts als selbstverständlich betrachten dürfen - weder die Gesundheit noch das Leben als solches. Wir dürfen nicht vergessen, was wir aneinander haben und sollten uns dies so oft wie möglich zeigen. So werden wir diesen Frühling, der meteorologisch gesehen schon längst begonnen haben, nun auch geniessen können. Im Sommer sollte es unser Ziel sein, einen kühlen Kopf zu bewahren, um schliesslich im Herbst und Winter die Wärme in unseren Herzen zu spüren und weiterzugeben. Nicht nur in diesem Jahr, sondern auch in allen, die noch folgen werden.

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