Osterstau auf der Datenautobahn

Die Zeiten sind nicht die einfachsten. Es kommt einem vor, als würde man in einem Traum leben. Alles fühlt sich so surreal an, wie in der Mitte einer riesigen Blase. Da gibt es Tage, an denen die Normalität scheinbar wieder zurückkehrt. Und dann wieder solche, an denen alles stillzustehen scheint. Das mit der Normalität ist sowieso eine Sache für sich: Oftmals verflucht man den ganzen Alltagstrott und die ständige Monotonie, doch wenn ein Ausnahmezustand wie der jetzige vorherrscht, wünscht man sich alles sehnlichst zurück. Die ganze Langeweile und Eintönigkeit des Alltags, die ganze einschläfernde Routine. Wer nichts mit sich anzufangen weiss, gerät zurzeit noch schneller an seine Grenzen als sonst. Man könnte auch sagen: Wer jetzt alleine ist, droht nun erst richtig zu vereinsamen. Während auf der Autobahn weniger Verkehr herrscht und der alljährliche Osterstau praktisch ausgeblieben ist, verlagert sich nun vieles auf die sogenannten sozialen Medien. Digitale Grüsse, virtuelle Nähe, und gleichzeitig eine gespenstische Distanz – durchschnittlich zwei Meter. Ein Wunder, dass die elektronischen Kanäle noch nicht überlastet sind und das ganze System nicht zusammengebrochen ist. Wenn es so weitergeht, werden wir noch zu lichtscheuen Wesen, und warten vampirgleich in unserem dunklen Reich, bis endlich der letzte Sonnenstrahl des Tages verblichen ist und wir nicht mehr dazu verlockt werden, unsere trägen Körper nach draussen zu bugsieren. Wir schliessen uns schon freiwillig ein, um nicht der unsichtbaren Gefahr dieser neuartigen Seuche ausgesetzt zu sein, die immer noch weltweit um sich wütet. Beim spanischen Wort für „Krone“ zucken wir zusammen, das gleichnamige Bier dürfte sich momentan wohl nicht besonders gut verkaufen.

 

Was momentan eher gefragt ist: Geduld. Eine Tugend, die nicht unbedingt zur Stärke der meisten Menschen gehört. Vor allem nicht bei denen, die es kaum ertragen können, in den eigenen vier Wänden zu verharren, anstatt Fussball zu spielen, Konzerte zu besuchen oder in andere Länder zu reisen. Wir sollten diese Situation jedoch unbedingt als Chance für uns betrachten, um unser Leben neu zu organisieren und uns darüber klar zu werden, was wir wirklich wollen oder brauchen. Vielleicht richten wir unseren Blick in Zukunft eher auf das Glück, welches ganz in unserer Nähe auf uns wartet und nicht auf das, was in unerreichbarer Ferne liegt.

 

Auch wenn wir das Licht am Ende des Tunnels momentan bloss vom Fenster aus und nur schemenhaft am Horizont wahrnehmen, sollten wir es nicht aus den Augen verlieren. Es werden auch wieder andere Zeiten anbrechen. Die Nerven liegen blank und sind zum Zerreissen gespannt, wir werden von unseren Emotionen regelrecht durchgeschüttelt, doch wir werden auch dies überstehen. Die Einsamkeit wird nicht siegen. Oder um es mit einem Lied aus dem neuesten Album von Heinz Rudolf Kunze auszudrücken: „Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort.“ Und wenn die Krise ausgestanden ist, das C-Wort nicht mehr in allen Medien präsent ist und die digitale Datenübertragung vollends ihre Grenzen erreicht hat, werden wir wohl endlich wieder erkennen, wie wertvoll menschliche Nähe ist – im übertragenen wie auch im wahrhaftigen Sinne.


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