Winterzeit und Vergänglichkeit

Am vergangenen Wochenende haben wir nun unsere Uhren eine Stunde zurückgestellt und damit die Winterzeit eingeläutet. Mir gefällt diese ruhige, gemütliche Atmosphäre am Morgen, wenn es draussen noch dunkel ist. Man hat das Gefühl, der Tag fängt langsamer und weniger hektisch an als in der Sommerzeit. Ich war eigentlich nie wirklich ein Frühaufsteher, doch dafür liebe ich den Morgen jetzt umso mehr, jedenfalls den Herbst- und Wintermorgen. Es fühlt sich an, als hätte man generell eine ganze Stunde mehr zur Verfügung. Ein wenig Entschleunigung würde uns allen guttun, schliesslich leben wir in einer Welt, in der wir häufig nur nach unserer Leistungsfähigkeit und unserer Zahlungsmoral beurteilt werden. Was für fatale Folgen die daraus entstehende Hektik haben kann, lässt sich ja ausrechnen. Muss das wirklich sein?

 

Um ein wenig an meiner Selbstdisziplin zu feilen, habe ich mir nun die Arbeit auferlegt, jeden Morgen etwas aus meinem Leben aufzuschreiben. Schliesslich gab es früher einmal das Sprichwort „Ohne Fleiss kein Preis“. Dass dies heute nicht mehr unbedingt gilt, beweisen uns viele Blogger, Influencer und sonstige Komödianten. Mir persönlich geht es in erster Linie nur um die Tatsache, dass ich schreiben will. Ob und wer es liest, wird sich zeigen. Die Idee kam mir, als ich unlängst wieder an ein Buch des Aargauer Schriftstellers Ulrich Weber denken musste, nämlich „Mutter, Vater, Schwester und ich: Das 1. Tagebuch von Tobias“. Dieses Buch habe ich als Kind sehr gerne gelesen. Darin wird der Protagonist von seinem Vater dazu angehalten, jeden Morgen zwei Seiten lang in seinem Tagebuch die Ereignisse des vergangenen Tages zusammenzufassen.

 

Bin ich froh, dass ich dies freiwillig und zwanglos tun kann! Dies läuft morgens also nun folgendermassen bei mir ab: Um 5.00 Uhr klingelt der Wecker, also genau genommen das Handy, dann wird der Computer eingeschaltet, d.h. der läuft ja eh meistens noch, weil der Depp ihn vergessen halt auszuschalten (der Depp bin übrigens ich). Dann wird geschrieben - oder viel mehr aus den Notizen, welche ich am Vorabend angefertigt habe, ein Text zusammengekleistert. Danach wird geduscht und ab zur Arbeit. 

 

Was die restliche Zeit des Tages angeht, nehme ich mir natürlich regelmässig vor, diese auch nicht gerade sinnlos zu nutzen. Wenn ich mittags von meiner Teilzeitstelle nach Hause komme, habe ich tausende von Ideen, was ich anstellen könnte. Doch dann passiert es immer wieder, dass ich meine kostbare Freizeit einfach vertue und stundenlang in dieses verdammte Handy starre, obwohl meine Augen noch nie die besten waren. Na ja, eigentlich müsste ich hier im Singular schreiben, da ich nur links etwas sehe. Aber ich will nicht jammern. Das farbige Geflimmer, das mir seit Jahren vor dem Blickfeld herumtanzt, sehe ich als kostenlose Special Effects an, die das alltägliche Bild ein wenig aufmotzen.

 

Um nochmals auf die Zeitumstellung zurückzukommen: Dies ist für mich auch immer ein Moment, in dem mir die Vergänglichkeit von uns allen bewusst wird. Denn vor 11 Jahren, wenige Tage nach Einbruch der Winterzeit, verstarb mein Vater. Ich kann mich noch genau erinnern, was für ein Schock es war, dies erfahren zu müssen. Damals war ich gerade im ersten Jahr meiner kaufmännischen Ausbildung, als mir an einem Dienstag nach der Arbeit ein Sozialpädagoge die Nachricht von Vaters Tod überbrachte. Dieser Moment führt mir immer wieder vor Augen, dass unsere Zeit begrenzt ist. Wir sollten diese für uns und für unsere Liebsten nutzen, solange wir noch können. Besonders jetzt in der Winterzeit, aber auch sonst, das ganze Jahr hindurch. Bloss weil es draussen kalt ist, braucht es in unseren Herzen ja nicht genauso zu sein, nicht wahr?

 

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